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von Otto Gehmacher
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Daniela Krien: „Mein drittes Leben“
Linda und Richard führen eine glückliche Beziehung, als der Unfalltod der 17 jährigen Tochter Sonja das Leben des Ehepaars erschüttert.
Jeder trauert für sich, trauert auf eine andere Art und Weise, und obwohl Linda ihren Mann liebt, entscheidet sie sich dafür, alleine aufs Land in ein abgelegenes Dorf zu ziehen. Dort lebt sie zurückgezogen , ohne sozialen Kontakte in einem alten Bauernhaus.
Der Alltag ist freudlos. Nur mit Schlaftabletten, von denen sie inzwischen abhängig ist, kommt sie halbwegs zur Ruhe. Die Autorin geht ganz nah an ihre Figur heran. Beklemmend aber ungemein plastisch wird diese Trauer, gegen die Linda nicht ankämpfen kann, beschrieben. Der Umgebung fällt es schwer, diesen kompletten Rückzug, der weit über den gemeinhin akzeptierten Zeitraum eines Trauerjahrs hinausreicht, zu verstehen. Freunde Bekannte und Familie brechen den Kontakt ab, einzig ihr Mann Richard besucht sie noch alle 2 Wochen.
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In Rückblenden erfährt der Leser Details aus ihrem früheren Leben, das vom Umgang mit Kunst geprägt war: Sie als erfolgreiche Kuratorin von Ausstellungen, er als selbstständiger Künstler. Der Alltag war nicht immer einfach, da Richard zwei Kinder aus erster Ehe mitgebracht hat.
Auch das Verhältnis zu ihrer Ursprungsfamilie ist konfliktbeladen. Linda war 13 Jahre alt, als ihre Mutter die Entscheidung getroffen hat, das perspektivenlose Dorfleben im Osten nach dem Mauerfall aufzugeben und einen wohlhabende Mann aus dem Westen zu heiraten. Der Tochter wird jede Ausbildung ermöglicht, trotzdem ist sie entwurzelt und vermisst echte Beziehungen. Den eigenen Vater hat sie nie kennengelernt, der Stiefvater begeht Suizid, als sie erwachsen ist.
Der Roman setzt ein, als der Tod von Sonja bereits mehr als zwei Jahre zurückliegt. Eine Krebserkrankung der Schilddrüse bietet für Richard die Chance, die Trauer hinter sich zu lassen. „Meinen Krebs zu bekämpfen wurde zu seiner Mission. Mein eigener Kampf dagegen war kein echter Kampf, sondern lediglich ein Reflex, der durch die Möglichkeit des Todes ausgelöst wurde. Der Mörder mit dem Namen Krebs legte seien Hände um den Hals des Opfers und drückte zu. Das Opfer wehrte sich unwillkürlich, beinahe wider den eigenen Willen, denn jede Kreatur wehrt sich gegen den Tod. Der Selbsterhaltungstrieb ist uns genetisch eingeschrieben. Richard nahm mir diesen Gedanken übel, denn in dieser Version der Geschichte kam er nicht vor.“
Im Krankenhaus lernt Linda dann auch jene alte Frau kennen, deren Hof sie dann in weiterer Folge pachtet.
Ein Hund der regelmäßige Spaziergänge braucht, ein paar Hühner, der Garten und der harte Alltag des Landlebens halten Linda am Leben. In Natascha, die sich um ihre autistische Tochter kümmert, findet sie eine Freundin, die ebenso Außenseiterin ist wie sie. Irgendwann lernt Richard dann eine neue jüngere Frau kennen und findet dadurch wieder ins Leben zurück. Zwar meldet er sich nach wie vor bei ihr, die Kontakte werden jedoch spärlicher.
Auch wenn die Trauer in ihrer vielfältigen, nicht vorhersehbaren Ausprägung im Mittelpunkt des Romans steht, ist es keineswegs ein tristes oder nur schweres Buch, das im Pathos schwelgt. Manchmal geht es dem Leser wie dem Freundeskreis von Linda. Man möchte ihr zuzurufen „jetzt reiß dich doch einmal zusammen und kümmere dich auch um deinen Mann, der es wirklich gut mit dir meint.“ Doch Trauer folgt keinen Ratschlägen und ist individuell.
Linda braucht Zeit, und mit der Zeit kehrt auch wieder eine gewisse Lebensenergie in ihren Alltag ein. Sie zieht zurück in die Stadt. Es finden wieder einzelne Begegnungen statt, so auch mit ihrer Mutter, zu der ein sehr zwiespältiges Verhältnis besteht: “Manche Tode vernichten die Hinterbliebenen, andere erlösen sie. Das auszusprechen wage ich nicht, meine Mutter würde es ohnehin leugnen. Die Beteuerung ihrer tiefen Trauer über den Tod ihres Gatten gehört zum Schauspiel ihres Lebens dazu.“
Langsam findet auch wieder eine Annäherung der beiden Ehepartnerstatt, getragen von ihrer tiefen Beziehung zueinander.
Das besondere an diesem Buch ist, dass Daniela Krien zwar über Verlust, Trauer und Einsamkeit schreibt, es sich bei diesem Roman jedoch im eigentlichen Sinn um eine große Liebesgeschichte handelt. Man taucht ein in die Gefühlswelt von Linda und vielleicht versteht man am Ende besser wie ambivalent Trauerreaktionen sein können, und wie sehr man sich davor hüten soll, eigene Wertvorstellungen auf sein Gegenüber zu projizieren.
Martina Hefter: “Hey Guten Morgen Wie Geht Es DiR”
Juno, um die 50, ist Performance Künstlerin und pflegt ihren kranken Mann Jupiter, der an Multipler Sklerose leidet und im Rollstuhl sitzt. Der Alltag ist durchstrukturiert mit Arbeit, Einkaufen und Haushalt führen. Dazu kommt noch, dass das Geld knapp ist.
In den Nächten liegt Juno wach, leidet unter Schlafstörungen und kann nur wenige Stunden Ruhe finden.
Immer wieder erhält sie Nachrichten von Love Scammern – Männern aus Afrika, die Fotos von seriösen weißen Männern aus dem Internet verwenden, um einsamen, nicht mehr ganz jungen Frauen in Europa die große Liebe vorzutäuschen. Irgendwann passieren dann unerwartete Vorkommnisse, und sie brauchen dringend Geld. Gefangen in ihrer Sehnsucht nach Liebe fallen die Frauen auf diese Tricks herein, und überweisen große Summen Geld an ihre Internet Bekanntschaften.
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Nicht so Juno, die mit diesen Love Scammern spielt, ihnen phantastische Geschichten vorspielt und sie dann wegklickt. Auch als sie im Internet auf Benu trifft, entlarvt sie sein skurriles Trugbild rasch „Und übrigens, du bist gar nicht Owen Wilson aus Texas. Du bist ein Love Scammer in einem Internetcafe. Und ich bin nicht aus Rumänien. Wie`s mir geht? Wenn du`s wissen willst: Lausig geht´s mir. Ich kann nämlich nicht einschlafen.“
Benu ist anders, blockiert nicht einfach ihr Profil nach der Enttarnung, sondern chattet humorvoll mit Juno. So entsteht zunächst eine lockere Verbindung. Juno erzählt nicht die Wahrheit von sich, bleibt vage und erwartet jederzeit die erste Geldforderung. Benu scheint fasziniert von der Andersartigkeit, der unkonventionellen Art und Weise mit der die Europäerin ihm begegnet. Mit der Zeit wendet sich das Blatt. Die virtuelle Beziehung wird für ihn immer wichtiger, er stellt Juno seinem Freund seiner Familie vor, und nun ist sie es die mit seinen Gefühlen spielt.
Eingebettet sind diese kurzen, abgehackten Chat Dialoge in den Alltag von Juno. Es gibt kaum wirkliche Freunde, durch ihren kranken Mann ist sie sozial isoliert, einsam und erschöpft. Man erfährt Bruchstücke ihrer Biographie, dass sie schon als Kind eine Außenseiterin war, mit anderem Kleidungsstil und ihrem spezifischen Interesse am Tanz und am Weltall.
„Was war Schlaflosigkeit anderes, als die Sternbilder anzusehen und eine Art Schutz oder Dach über sich zu wissen. Sternbilder waren eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Mythologie. Sie zeigten die rührende Phantasie der Menschen genauso wie ihr enormes Wissen. Man nutzte die Sternbilder zur Navigation und erforschte ihre einzelnen Sterne, manche waren noch jung, andere uralt.“
Mit einer poetischen Sprache schafft es Martina Hefter, die zuletzt vor allem Lyrik Bände veröffentlichte, Stimmungen aufzubauen und ihre Hauptperson zu charakterisieren. Diese trägt durchaus autobiographische Züge, sei es der Beruf als Performance Künstlerin oder auch die Begegnung mit Love Scammern im Internet.
Trotz der großen Themen wie Einsamkeit und Sehnsucht ist dieser Roman nicht düster oder schwer, sondern erfrischend in den prägnanten Chat Nachrichten und vor allem auch humorvoll. Juno wird sehr plausibel, zerrissen und vielschichtig gezeichnet, und der Leser kann gut nachvollziehen, was sie in ihren schlaflosen Nächten reizt, über tausende von Kilometern Entfernung mit einem fremden Gegenüber in Kontakt zu treten, einem Gegenüber dass in einer komplett anderen Welt und Zivilisation lebt. Juno versucht sich durch Dokumentationen die sie ansieht und Bücher die sie liest mit der Lebens Welt Nigerias auseinanderzusetzten, um zu verstehen, was Benu dazu treibt, ein Love Scammer zu sein.
Aus diesem Spiel, verbunden mit der Ungewissheit, was wirklich die Wahrheit ist und was Trugbild bezieht der Roman seine Kraft und Faszination. Zu Recht wurde er dafür mit dem letztjährigen deutschen Buchpreis ausgezeichnet.
„ Immer öfter ist es ihr inzwischen egal, wenn sie nachts draußen auf der Straße weint und ihr Leute entgegenkommen. Sie rauscht ab und zu ungeniert mit Tränen im Gesicht durch so manche fröhliche Gruppe.
Soll Juno das den Love Scammern erzählen? Dass sie die weinende Frau von Leipzig Schleußig ist? Dann würden sie ihr auch nur wieder Memes schicken, zwei kleine Hunde, die sich gegenseitig umarmen, oder zwei Hände, die ein Herz mit den Fingern formen. Memes die einen nur noch mehr weinen lassen. Memes mit Motiven, von denen nur Love Scammer denken, dass sie Frauen glücklich machen.“
Ingrid Kloser: “Aus Stille geformt”
Friedrich lebt auf einem alten Bauernhof im Bregenzer Wald. Er ist Töpfermeister, und der Roman setzt dort ein, als die japanische Praktikantin Akiko bei ihm eintrifft. Das Mädchen besucht die Keramikschule in Landshut und hat sich den Meister aus dem Bregenzer Wald für ihr Praktikum ausgesucht. Das junge Mädchen taucht in die für sie fremde Welt dieser traditionellen ländlichen Region ein, fasziniert von der Töpferkunst Friedrichs. Von Anfang an besteht eine besondere Beziehung zwischen den beiden, die sich in manchen Eigenschaften auch verblüffend ähnlich sind.
Ingrid Kloser, Vorarlberger Autorin hat ein Buch über die Kunst des Töpferns geschrieben, und man würde wohl aus einem Sachbuch nicht mehr Informationen bekommen. Vom Stechen des Tons, übers Reinigen, der Arbeit an der Töpferscheibe bis hin zum Brennvorgang wird Alles detailgetreu beschrieben. In diesen Passagen ist das Buch ein medidativer Roman, ohne viel Handlung. Mit einfacher Sprache, kurzen prägnanten Dialogen und einem feinen Gespür für die Landschaft werden die beiden Hauptfiguren skizziert.
Bald ahnt der Leser, dass hinter der Fassade des etwas eigenbrötlerischen Töpfermeisters Friedrich ein lebenslang gehütetes Geheimnis schlummert. Akiko entdeckt in einer Truhe ein Furin, ein japanisches Windspiel, und spürt, dass der Meister etwas vor ihr verheimlicht.
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Das Buch ist in vier Abschnitte, den jeweiligen Jahreszeiten entsprechend gegliedert, und in diesem ewigen Rhythmus der Jahreszeiten lernt Akiko die Feinheiten der Töpferkunst. Sie stammt aus einer Familie, wo dieses Handwerk Tradition hat. Ihr Onkel mütterlicherseits war ebenfalls Töpfermeister, und auch die Mutter hat Interesse an der Kunst, durfte diese Eigenschaft jedoch an der Seite ihres pragmatischen in der Wirtschaft orientierten Ehemanns nie ausleben.
In welcher Beziehung steht Friedrich zu Akiko? Ist es wirklich Zufall, dass sie bei ihm gelandet ist? Er stöbert in alten Bildern, findet die ungeöffneten Briefe aus Japan, und die Tatsache, dass Akiko seine leibliche Tochter ist, dämmert dem Leser schon früh, allerdings dauert es bis in den Herbst, dass die Schülerin zu ahnen beginnt, dass es hier familiäre Banden gibt.
Der subtilen Sprache, dem unaufgeregten und wenig pathetischem Schreibstil ist es zu verdanken, dass dieser Roman nie in eine banale Herz-Schmerzgeschichte abdriftet, sondern das alles verbindende band des Töpferns den Figuren Authentizität und auch Tiefgang verleiht. Akiko droht der Boden unter den Füßen wegzufallen. Was ist ihre Identität, wo ist sie zu hause? Wie soll sie mit er neuen Situation umgehen?
Es ist die Erdverbundenheit der Töpferkunst die Friedrich hilft sein einsames Leben zu meistern, und mit der Realität, dass er zu feige war, sich zu seiner Liebe und seiner Tochter zu bekennen, zurechtzukommen.
Auch wenn vielleicht manche Beschreibungen des Töpferns etwas lang ausfallen, ist Ingrid Kloser doch ein wunderbarer Roman gelungen, der die besondere Landschaft und Atmosphäre des Bregenzer Waldes mit der Exotik Japans verbindet, und den Leser in die Kunst diese Jahrtausende alten Handwerks eintauchen läßt.
Liest man am Ende den ersten Absatz noch einmal, enthält dieser bereits die Essenz des Romans:
„Fast hätte Friedrich das Windspiel übersehen, der Sturm muss es vom Nussbaum gerissen haben. Als er an diesem Morgen durch die Werkstatt aus dem haus tritt, liegt es ähnlich einer Marionette, leblos und stumm im Gras. Friedrich geht in die Knie, nimmt es in die Hand und verharrt in der Hocke. Mit seinen Fingern bewegt er ein wenig die Glöckchen, die in der Frühlingssonne blitzen, und um seinen Mundwinkel spielt etwas Zärtliches. Ein Duft steigt ihm in die Nase, mit dem er nicht mehr gerechnet hat, von dem er glaubte ihn schon verloren zu haben.“
Christine Bilklau: “Halbinsel”
Christine Bilklau ist eine mehrfach deutsche Journalistin und Schriftstellerin. Ihre Romane wurden mehrfach ausgezeichnet. Für ihren aktuellen Roman „Halbinsel“ erhielt sie 2025 den Preis der Leipziger Buchmesse.
Annette, Ende vierzig, lebt seit vielen Jahren in einem kleinen Haus am nordfriesischen Wattenmeer. Früh hat sie ihren Mann Johan verloren, der vom morgendlichen Laufen nicht zurückgekommen ist. Die finanzielle Situation ist angespannt, das Geld knapp. Es bleibt wenig Zeit zum Trauern, sie ist fortan bemüht, ihrer Tochter Linn eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Diese zieht es nach dem Abitur in die weite Welt. Sie studiert Umwelttechnik, verbringt mehrere Semester in Schweden und fängt schließlich einen Job bei einer im Bereich Klimaschutz tätigen Beratungsfirma an.
Der Roman setzt ein, als Annette erfährt, dass ihre Tochter bei einem Vortrag einen Ohnmachtsanfall erlitten hat, und im Spital liegt. Die Mutter nimmt sie für eine Woche bei sich zu Hause auf. Doch Linn steckt in einer Krise, zerrieben zwischen Leistungsdruck und Sinnsuche und aus dem geplanten kurzen Aufenthalt wird ein halbes Jahr. Annette fühlt sich hilflos, angesichts der Antriebslosigkeit ihrer Tochter.
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„Was für eine Mutter bist du jetzt? Eine, die mitfühlend und fürsorglich die passenden Worte findet? Eine, die sich zu viel Sorgen macht und ihrem Kind damit auf die nerven fällt? Eine, die skeptisch reagiert, die sich fragt, ob ihr Kind überempfindlich ist oder falsche Vorstellungen vom Arbeitsalltag hat? Eine die Ruhe bewahrt und still abwartet? Eine die vor lauter Nachdenken, was sie tun oder sagen sollte, das Gefühl für die Situation verloren hat“
Mit der Zeit brechen Konflikte auf, zwischen Mutter und Tochter, aber auch zwischen zwei Generationen.
„Ich dachte über Fürsorge nach, für das eigene Kind. Wie sehr stand diese Fürsorge der Freiheit des Kindes im Weg? Darin lag ein Konflikt, tatsächlich ein Widerspruch. Ich hatte die beiden Seiten, Fürsorge und Freiheit, jeden Tag aufs neue ausgelotet. Ohne den Widerspruch auflösen zu können. Mit einem bittersüßen Gefühl der Ungewissheit. Die Ungewissheit darüber, wie man das eigentlich machte, einen Menschen, den man geboren hatte, großzuziehen und auf diese Welt vorzubereiten, eine Welt, die so anders sein würde als jene, in der man selbst aufgewachsen ist.“
Themen wie Greenwashing, CO2 Kompensation oder Aufforstungsprogramme, die auf Kosten der indigenen Bevölkerung gehen werden thematisiert, und so kann die Ohnmacht von Linn auch als Metapher für den bevorstehenden Kollaps der Erde gedeutet werden.
Die Autorin schafft es aus Alltäglichkeit mittels Erzählkunst etwas Allgemeingültiges herauszuschälen. Maßgeblich verantwortlich dafür ist das feine Gespür für ihre Protagonistinnen und die präzise Sprache. Die kurzen Dialoge lassen viel Spielraum für Unausgesprochenes , dazu kommen wunderbaren Naturbeschreibungen. Die mysthische Landschaft der Nordsee rahmt diese Handlung ein, eine Landschaft die gleichzeitig faszinierend und bedrohlich wirken kann, und die auch die Unberechenbarkeit der Natur widerspiegelt.
Die Ich Erzählerin Annette wird von ihrer Tochter mit der Tatsache konfrontiert, dass die Mutter die Andenken an ihren Vater vor ihr verborgen hat, und dass sie seinen Tod verdrängt hat.
„Fünfundzwanzig würde sie diesen Winter werden, alle diese Jahre, die gesamte Zeit schien mir so überschaubar, so verschwinden schnell vergangen, als stünde ich an einer Bahnschranke und ein Zug rast vorbei, da kommt er, da ist er, und dann hör ich nur mehr sein Rauschen aus der Ferne wie ein Echo. Schwanger werden, ein Kind zur Welt bringen, den Partner verlieren, das Kind großziehen, es davongehen sehen, diese Jahre: hier, da sind sie gewesen, das sind die Fehler die du gemacht hast.“
Lebensthemen wie Trauer, Fürsorge, Freiheit, Authentizität Generationenkonflikte oder Umwelt werden in diesem Roman mit einer feinfühligen, stimmigen und gleichzeitig nie ins plakative abrutschenden Sprache behandelt.
Leyla Bektas: “Wie meine Familie das Sprechen lernte”
Leyla Bektas erzählt die Geschichte einer Familie zwischen Istanbul, Hacibektas und Köln. In jeweils kurzen Kapitel, die in unterschiedlichen Zeiten spielen, wird das Schicksaal von 3 Generationen dargestellt.
Als Aleviten waren sie immer wieder Verfolgung und Benachteiligung ausgesetzt. So spiegelt dieser Roman auch das Leben einer religiösen Minderheit wider und erzählt von den vielen blutigen Umstürzen in der jüngeren Geschichte der Türkei. Auch wenn die Handlung und viele Personen des Romans fiktiv sind, wie in einem Nachwort zu lesen ist, hat man doch den Eindruck, es könnte sich um reale Biographien handeln, die ihren Kern im erweiterten familiären Umfeld der Autorin haben.
Selten wurde so eindrücklich geschildert, was es bedeutet, wenn eine Familie zwischen Deutschland und der Türkei aufgesplittert ist. Wo fühlt man sich beheimatet? Wie stark spielen die familiären Wurzeln eine Rolle, die Sprache. Worüber wird nicht gesprochen, weil es zu schmerzhaft ist? Auch im eigenen Land kann man durch politische Willkür und Unterdrückung seine Kultur, seine Sprache verlieren.
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Die Bedeutung der Großfamilie, die auch über die Landesgrenzen hinaus zusammenhält und eng verbunden ist, kann auch eine Belastung in den Beziehungen zwischen Orient und Okzident darstellen. Wie verändert sich die Mentalität der nach Deutschland Ausgewanderten, wenn sie auf Heimaturlaub sind? Was bedeutet es für eine in Deutschland geborene Frau, wenn sie ihren türkischen Mann bei solchen Urlauben begleitet?
Alev ist die Tochter eines alevitischen Vaters Mithat, der nach Deutschland ausgewandert ist, und dort eine Einheimische geheiratet hat. Auch wenn man ihr ihre türkischen Wurzeln nicht ansieht, ist sie doch eine Suchende, die zwischen den Kulturen steht, den türkischen Konversationen in der Heimat des Vaters nicht folgen kann, da sie deutschsprachig aufgewachsen ist, gleichzeitig aber einen türkischen Pass besitzt, und als Zeitungsredakteurin auch über ihre türkische Heimat schreibt.
„Etwas in Alev regte sich, aber sie traute sich nicht zu widersprechen. Sie wusste nicht, auf welche Beweise sie sich stützen sollte. Alles, was sie über Aleviten wusste, hatte sie in irgendwelchen Gesprächsfetzen aufgeschnappt, war für sie mit Rätseln belegt. Nichts davon schien gesichert. Alev öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Was hätte sie sagen können? Das Alevitentum ist all das, was der Islam nicht ist.“
Ein Stammbaum am Ende des Buches hilft dem Leser sich in der weitverzweigten Familie, mit den sich teilweise wiederholenden Namen zu orientieren.
Wie nah Aufstieg und Fall beisammen liegen und wie stark dies auch mit der jeweiligen politischen Situation zusammenhängt wird an Hand von Mithats Bruder Cem und seiner Frau Selen deutlich, die in der Türkei geblieben sind und binnen Jahren mit ihrem Textil Imperium einen sagenhaften Reichtum erwerben. Ein willkürliche, politisch gefärbte Festnahme zerstört diesen Aufstieg mit einem Schlag.
Ein alevitisches Sprichwort, das an den Beginn des Romans gesetzt wurde sagt: "Behalte für dich, was du gesehen hast, und sprich nicht über Dinge, die du nicht gesehen hast"
Mely Kiyak: “Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an.”
„Mein Vater, der immer lacht, der immer schwankt. Der mit dem längsten Sterben der Welt. Der lebendigste Tote, den es je gab. Der, dessen größtes Verdienst es ist, dass er trotz allem lebt. Der, auf dessen Tod ich mich gründlich vorbereitet hatte. Mein Vater. Der leise weint und sehr viel lacht. Der sehr oft schweigt. Und gerne erzählt….Mein Vater hat Krebs!“
So beginnt der autobiographische Roman „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an“ von Mely Kiyak, einer deutschen Autorin mit kurdisch alevitischen Wurzeln.
Dieses Buch ist aus der Perspektive der Tochter geschrieben. Ungeheuer plastisch und berührend wird die Wut und Verzweiflung geschildert, die Trauer und die Angst vor dem nahen Abschied. Gleichzeitig aber herrscht Leben und Humor. Man schmunzelt, wenn der Vater Bett und Beet verwechselt und sich wundert, warum es ein Schild gibt, worauf steht, „dass die Patienten ihre Zigarettenstummel nicht ins Bett werfen sollen“. Eingstreut sind auch Abenteuergeschichten aus der kurdischen Heimat des Vaters, die von Entführungen, Blutfehde, Mord und Totschlag handeln, und im Stil der alten Geschichtenerzähler geschrieben sind.
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Diese wechselnden Stimmungen, in die der Leser gemeinsam mit der Protagonistin eintaucht, machen diesen Text zu etwas ganz Besonderem, und spiegeln den palliativen Alltag wider.
Mit feiner Beobachtungsgabe wird der Krankenhaus Aufenthalt, der eigentlich nur 3 Tage dauern sollte, und sich dann über Wochen hinstreckt, geschildert. „ Aus meinem Vater, der morgens unter vitalem Protest ins Krankenhaus begleitet wurde, aus meinem Vater, der seine eigene Tasche tragen konnte, ist ein Kranker geworden, der nicht einmal mehr ein Wasserglas greifen kann. Und das nur, weil er ein Krankenhaus betreten hat. Für meinen Vater ist es das erste Krankenhaus seines Lebens.“
Eigentlich möchte der Vater sterben, einen schnellen und schmerzlosen Tod, so wie er es in den alten Geschichten von früher, seiner Tochter erzählt. In bedingungsloser Liebe kämpft die Tochter für ihren Vater, überredet ihn zur notwendigen Pleuradrainage und später zur Chemotherapie. Sie scheut nicht die Konfrontation mit dem Pflegepersonal und den Ärzten. Man würde die Tochter wohl mit dem Attribut „schwierige Angehörige“ versehen. „In diesem Krankenhaus wird viel therapiert und wenig kommuniziert. Darunter leidet er sehr. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil er krank geworden ist und meint, mir damit zur Last zu fallen. Die Ärzte sagen oft „Zeit gewinnen“. Wenn er „Zeit gewinnen“ hört, denkt mein Vater sich: Warum hinauszögern, was auch schneller geht?“
Einzig der Spitals Psychologe Hr. Wächter findet einen guten Draht zur Familie „Fürsorglicher Belagerungszustand“, so beschrieb Hr. Wächter Vaters Situation. Wir stehen ihm bei, obwohl er uns nicht bittet. Aber wir tun es aus Fürsorge.“
Mely Kiyak findet wunderbare Metaphern, um den Gefühlszustand, die Sprachlosigkeit der verzweifelten Tochter zu beschreiben, und hält uns gleichzeitig einen Spiegel vor, wie wir mit unserem „molekularem Geschwätz“ vielleicht das Hirn erreichen, aber nicht den Verstand.
„Es handelt sich bei uns im Krankenzimmer nicht um die vertraute Teestille. Was zwischen uns anschwillt, ist Sprachlosigkeit. Wie ein dicker, feuchter Nebel liegt sie zwischen uns und macht es mir unmöglich, zu meinem Vater durchzudringen.“
Im Sinne der narrativen Medizin kann man aus diesem Buch viele wertvolle Erfahrungen mitnehmen, die wesentliche palliative Themenbereiche ansprechen: interkulturelle Aspekte, Kommunikation, Trauer, Angst, Umgang mit Angehörigen, Humor und Hoffnung.
Bei aller Kritik an dem Gesundheitswesen, den Abläufen im Spital, den wenig empathische, vor allem mit sich selbst beschäftigen Krankenpflegepersonal und den um die richtigen Worte ringenden Ärzten, ist die Tochter auch zur Selbstreflexion und Selbstkritik fähig.
„Man ist so einfältig in seiner Liebe. Ich meinte behilflich zu sein und es stellt sich die berechtigte Frage, wem ich eigentlich behilflich bin außer mir selbst. „Papa, hör auf zu weinen“ – wie oft sage ich diesen Satz und warum bin ich Holzkopf nicht zu meinem Vater gegangen und habe ihn in den Arm genommen. Wenn er mit dem Weinen aufhörte, dann nicht, weil ich es befahl, sondern weil er fertig geweint hatte. Ich aber ging nach Hause und dachte, uff, war anstrengend, aber er hat aufgehört, was bin ich ein an Überzeugungskraft strotzendes Wunderkind.“
Kurzum ein Buch, dass man unbedingt gelesen haben sollte!
Meral Kureyshi: “Im Meer waren wir nie”
Lilly, die hochbetagte Großmutter zieht zu ihrem Mann ins Altersheim. Die Familie sucht jemanden, der der alten Dame Gesellschaft leistet, ihr vorliest. Die „Ich“ Erzählerin, die mit Lillys Enkelin Sophie seit langem befreundet ist und auch im selben Haus wohnt, nimmt diese bezahlte Aufgabe an.
Der Roman beginnt mit dem Tod der alten Dame in ihrem 95. Lebensjahr. In nicht linearen Rückblenden erfährt man Schritt für Schritt Details aus dem Leben der Protagonisten.
Die Figur der Ich Erzählerin trägt autobiographische Züge. Meral Kurshi wurde im Kosovo geboren, ihre Eltern gehörten der türkischsprachigen Minderheit an. Mit 9 Jahren kam die Autorin in die Schweiz. Die Frage nach kultureller Identität und Heimat prägen auch das Leben der jungen Frau im Roman, die früh ihren Vater verloren hat und sich um die kleine Schwester kümmern mußte.
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„Zu Hause ist mehr ein Gefühl als ein Ort. Weil es den Ort nicht mehr gibt. Viele Versuche, ihn wiederherzustellen. Es gelingt nach dreißig Jahren immer noch nicht. Wir atmen Asche und husten Staub. Die Erinnerung riecht gut und leuchtet in grellen Farben. Niemand kann sie einem nehmen. Eine Erinnerung, die man erhalten möchte, immer wieder neu errichten und weiterdenken, sie verwandelt sich und wird schöner, bis ich vergesse, was sie wirklich war. Zu weit weg um sie zu glauben!“
Der Roman lebt von der feinfühligen, einfachen und doch ungeheuer ausdrucksstarken Sprache. Vieles wir nur kurz angedeutet und erst einige Kapitel später wieder aufgegriffen. Die Schicksaale und Geschichten mehrerer Generationen werden geschickt miteinander verwoben: Lilly, die sich einsam fühlt, und zunehmend unter ihrer Demenz leidet, Sophie die sich mehr und mehr von ihrer besten Freundin entfremdet, und Eric, ihr achtjähriger Sohn der von beiden Frauen gemeinsam aufgezogen wird und der das eigentlich Bindeglied zwischen den beiden Freundinnen ist.
„Irgendwann haben wir so viele Gedanken geteilt miteinander, dass es kein Zurück mehr gibt, so viel anvertraut, so viel gesagt, mit und weitergedacht, über so viele Jahre, haben wir alles geteilt und sind nirgendwo angekommen. Und dann? Geht es einfach weiter. Ein Zurück gibt es nicht, kann es nicht geben, es ist schon so viel gesagt und gedacht worden, irgendwann ist man müde, alles zu wiederholen. Das Gesagte und Gedachte, zu müde, um zu teilen und neu anzufangen.“
Vor allem in den Begegnungen mit Lilly schildert Kureyshi authentisch und ohne Kitsch das Altwerden der Großmutter, das allmähliche Verlorengehen im "sterbenslangweiligen Einerlei" des Altenheims und das Gefühl der Abgehängtheit.
Obwohl der Roman in den Erinnerungen der Ich Erzählerin auch eine Migrationsgeschichte ist, tritt diese nie in den Vordergrund. Es sind Themen wie Freundschaft, Trennung, neue Wege erleben und Abschied, die generationsübergreifend und unabhängig vom kulturellen Hintergrund Gültigkeit haben. Immer wieder ist es die poetische, leicht melancholische Sprache, sind es die originellen Metaphern, die dieses Buch zu einem besonderen Leseerlebnis machen.
„Die Tropfen bilden Streifen auf der Scheibe. Manche bleiben stehen, andere schaffen den Weg bis zum Holzrahmen, wieder andere werden größer, indem sie die Tropfen, die stehen geblieben sind, aufsaugen und mit sich reißen, schneller werden, in den Bahnen fahren, auf denen schon mal ein anderer gefahren ist. Der Tropfen, der sich seinen Weg erst einmal bahnen muss auf der trockenen Scheibe, ist langsam. Auch der kommt irgendwann zum Holzrahmen und löst sich auf.
Ich werde durchlässig mit dem Wasser, weiß nicht mehr, welches meine Gedanken sind. Ich verflüssige mich, bis der Regen aufhört.“
„Der Nebel verschluckt den Tag, die Weite und die Farben. Alles wird grau und die kühle Luft wird sichtbar. Die Trauerweide erscheint noch trauriger als zuvor und schwer. Ihren Schatten trägt sie wie dunkle Augenringe. Alles wird bräunlich grün, wie meine Augen.
Deine Augen sind ein Moor, sagte mein Vater zu mir“
Milena Michiko Flasar: „Oben Erde unten Himmel“
Schauplatz des Romans ist eine japanische Großstadt. Die Menschen gehen ihrer regelmäßigen Arbeit nach, interessieren sich nicht Füreinander. „In den sich leerenden Straßen hallten meine Schritte wider. Das Viertel in dem ich wohnte war verhältnismäßig ruhig. Hier wohnten hauptsächlich Pendler, die nach der Arbeit in ihre Wohnhöhlen zurückkehrten. Müde und gebückt schlurften sie ihrer Wege.“
Die Ich Erzählerin Suzu ist Teil dieser „grauen Masse“. „Alleinstehend. Mit Hamster“ so beschreibt sie sich selbst. Wegen „mangelndem Liebreiz“ verliert sie ihre Stelle als Aushilfskellnerin und macht sich auf Jobsuche. Sie bewirbt sich auf eine Annonce als Reinigungskraft und begegnet bei ihrem Vorstellunggespräch dem skurrilen Herrn Sakai, der ihr und einem zweiten Bewerber nach 2 Whiskys offenbart, dass es sich um einen Job als Leichenfundortreinigerin handelt.
„Kodokushi“ – bezeichnet den Tod von Menschen, die in sozialer Isolation leben. Vor allem Männer mittleren und hohen Alters sind betroffen. Oft bleiben ihre Leichen lange unentdeckt. Allein im Großraum Tokio sterben so ca. 3000 Menschen pro Jahr.
Milena Michiko Flasar ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters und ist für ihre Romane „Ich nannte ihn Krawatte“ und „Herr Kato spielt Familie“, mehrfach ausgezeichnet worden.
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Wie es der Autorin gelingt, dieses schwere Thema des einsamen Todes und der makaberen Fundorte in eine Leichtigkeit zu verpacken, gepaart mit subtilem Humor, ist erstaunlich. Mit wenigen, zarten Pinselstrichen werden die handelnden Personen charakterisiert, und der Leser taucht ein in eine fremde, oftmals kalte Welt der sozialen Isolation. Bruchstückhaft werden Details aus dem Leben der aufgefundenen Personen geschildert:
„Herr Ono, stellte ich fest, hatte eine Vorliebe für Grautöne gehabt. Hellgrau, dunkelgrau. Mittelgrau. Beinahe jedes Kleidungsstück, das ich vom Bügel nahm, war grau. Eine Ausnahme bildeten die Hemden. Die waren weiß. Hellweiß, dunkelweiß. Mittelweiß. Dementsprechend farblos musste sein Leben gewesen sein. Aber war meines denn bunter? Knallte es?. Ich kam zu dem beschämenden Schluss, dass es im Vergleich zu dem pensionierten Bankbeamten ähnlich eintönig abschnitt.“
Durch ihre neue Arbeit ändert sich auch etwas an der Lebensweise von „Fräulein Suzu“, wie Hr. Sakai, ihr Chef, sie liebevoll nennt. Plötzlich nimmt sie ihre Nachbarn wahr, plaudert gelegentlich mit ihnen und betritt nach Jahren des anonymen „Nebeneinander Lebens“ erstmals deren Wohnung.
Als ihr Arbeitskollege Takada, ein gestrandeter Außenseiter der Gesellschaft, der in einem Manga Kiss, einem japanischen Internetcafe mit Übernachtungsmöglichkeit, lebt, erkrankt, nimmt Suzu ihn vorübergehend bei sich zu Hause auf. In einer sehr berührenden Szene wird beschrieben, wie beide nach Takadas Genesung, auf die Plattform ihres Wohngebäude klettern, und hinter den grauen Fassaden der Wohnhäuser plötzlich das Leben der Menschen dahinter wahrnehmen:
„Ringsherum Häuser. Fenster und wieder Fenster, in denen sich Menschen bewegten. Einer spielte Klavier. Er hatte Kopfhörer auf und wiegte sich zu einer nur für ihn hörbaren Melodie. Eine erhob sich von einem Tisch, auf dem Mandarinen lagen. Planeten gleich lagen sie in einer bestimmten Anordnung zueinander. Wehende Vorhänge. Einer bügelte ein Hemd. Nichts Ungewöhnliches. Aber die Perspektive machte den Unterschied. Hinter uns lag die Straße. Und vor uns , unter dem dunstigen Abendhimmel, es dämmerte bereits, lag das, was man von der Straße aus nicht sehen konnte. Eine Welt des Verborgenen bereitete sich vor uns aus. (…) „Wahnsinn“ wiederholte ich.“
Diese Mischung aus trockenem, leicht morbidem Humor, berührenden Begegnungen, Lebensphilosophie, Herzenswärme und würdevollem Umgang mit dem Thema Tod, machen diesen Text zu einem besonderen Stück Lebensliteratur.
Eva Menasse (2021): „Dunkelblum“
Kiepenheuer & Witsch
„In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen, sie drehen ihre Köpfchen hierhin und dorthin, damit ihnen nichts entgeht, und das Gras registriert mit seinen Schnurrhaaren jeden Schritt. Die Menschen haben immerzu ein Gespür. Die Vorhänge bewegen sich wie von leisem Atem getrieben. Ein und aus, lebensnotwendig. Jedes Mal, wenn Gott von oben in diese Häuser schaut, als hätten sie gar keine Dächer, wenn er hineinblickt in die Puppenhäuser seines Modellstädtchens, das er zusammen mit dem Teufel gebaut hat zur Mahnung an alle, dann sieht er in fast jedem Haus welche, die an den Fenstern hinter ihren Vorhängen stehen und hinausspähen. Manchmal, oft, stehen auch zwei oder sogar drei im selben Haus an den Fenstern, in verschiedenen Räumen und voreinander verborgen. Man wünschte Gott, dass er nur in die Häuser sehen könnte und nicht in die Herzen.“
So beginnt Eva Menasses viel gelobter Roman „Dunkelblum“ , der an einem fiktiven Ort im Burgenland, im Osten Österreichs an der Grenze zu Ungarn spielt. Es ist das Jahr 1989, als es zur Öffnung des eisernen Vorhangs kommt, und immer mehr Flüchtlinge aus der DDR über die ungarische Grenze fliehen. In vielen miteinander verwobenen Erzählsträngen lernt man die unterschiedlichsten Menschen des Dorfes kennen, die Weinbauern, den Besitzer eines Reisbüros, der eine Stadtchronik schreiben will, den Bürgermeister, die Besitzerin des Hotels etc. Ihnen allen gemeinsam ist, dass ihre Geschichte in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Ein dunkles Geheimnis umgibt die Dorfgemeinschaft, jeder verdrängt seinen Anteil an dem Geschehen, um moralisch bestehen zu können.
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Am Anfang braucht der Leser Zeit und auch Muße, sich diesem ganz eigenen Erzählstil anzupassen. Da ist einerseits ein feiner, ironischer Unterton, mit dem die handelnden Personen charakterisiert werden, andererseits ist es die ganz besondere Sprache die gespickt ist mit Austriazismen wie z.B. Tschopperl – gutgläubiges etwas naives Wesen, oder Krispindel- kleine schlecht ernährte Gestalt. Irgendwann ist man dann jedoch gefesselt von diesem Kunst-Dialekt, der die Dorfgemeinschaft in ihrer Verschwiegenheit vereint, man ist berührt von den Geschehnissen in Dunkelblum und erschüttert von den tragischen Einzelschicksalen. Die Autorin verwehrt sich dem moralisierenden Blick aus der Jetzt Zeit, erkennt selbst im tiefsten Abgrund noch den Witz und schafft es ihre Figuren authentisch und plastisch werden zu lassen.
Historische Parallelen gibt es zu dem Ort Rechnitz im Burgenland, wo die SS Leute und Kollaborateure mit der Gräfin Margit BatthyanyThyssen im Schloss ein Fest feierten und im Anschluss 220 jüdische Zwangsarbeiter ermordeten. Ähnliche Massaker kamen in über 100 Gemeinden entlang des gegen Kriegsende errichteten Südostwalls, vor, sodass Dunkelblum eine Chiffre für diese oft verschwiegenen und nicht aufgeklärten Gewalttaten darstellt.
Was ist die Wahrheit? Wer schreibt die Geschichte?
„Manchmal, sehr selten, reicht eine individuelle Entscheidung um die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken. Aber in den seltensten Fällen hat jemand genug Überblick, um nachher die anderen möglichen Varianten noch zu erkennen und nicht nur das, was Tatsache geworden ist, für folgerichtig zu halten.“
„Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gewissen.“
Auch wenn man vielleicht den Eindruck gewinnt, es ist die „typisch österreichische Seele“ die hier beschrieben wird, greift dieser herausragende Roman doch weiter. Die Eigenschaft, sich die Geschichte so zurecht zu rücken, dass man moralisch Bestehen kann, haben ebenso allgemeine Gültigkeit wie die Mechanismen des Verschweigens und des Verdrängens.
So endet der Roman auch mit dem Ausblick „Das ist nicht das Ende der Geschichte“.
Sandro Veronesi: „Der Kolibri“
Sandro Veronesis Roman „Der Kolibri“ beginnt mit einer ungewöhnlichen Begegnung: Der Augenarzt Marco Carrera, die Hauptfigur des Buches trifft, auf den Psychotherapeuten seiner Frau, der ihm Fragen nach der Wahrheit stellt.
So erfährt man einerseits, dass es mit Luisa eine große „außereheliche Liebe“ im Leben des Augenarztes gibt, zu der er eine jahrzehntelange Brieffreundschaft aufrecht erhält. Andererseits tritt zu Tage, dass ihn seine Frau schon seit längerem betrügt.
"Es sollte bekannt sein – ist es aber nicht –, dass das Schicksal der Beziehungen zwischen Menschen ein für alle Mal gleich zu Beginn entschieden wird, immer, und dass man, um im Voraus zu wissen, wie die Dinge enden werden, nur zu schauen braucht, wie sie angefangen haben."
"Denn wenn eine Beziehung entsteht, gibt es immer einen Augenblick der Erleuchtung, in dem man auch sehen kann, wie sie wächst, sich zeitlich ausdehnt, zu dem wird, was sie werden wird, und endet, wie sie enden wird – alles zusammen. Man sieht es deutlich, weil in Wirklichkeit alles bereits im Anfang enthalten ist, so wie die Form eines jeden Dings bereits in seiner ersten Erscheinungsform enthalten ist. Aber es handelt sich eben um einen Augenblick, und dann verschwindet dieses Vision oder wird verdrängt, und nur deshalb verlaufen die Geschichten zwischen den Menschen nicht ohne Überraschungen, Schäden, Freude und unerwarteten Schmerz."
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In vielen relativ kurz gehaltenen Episoden werden wichtige Eckpunkte aus dem Leben von Marco beschrieben: die schwierige Beziehung seiner Eltern, die v.a. den äußeren, gesellschaftlichen Anschein wahren wollten, der Ertrinkungstod seiner Schwester, die abgebrochene Beziehung zu seinem Bruder, die Spielsucht etc.
Ständig wechselnde Zeitepochen, sind verbunden durch Briefe zwischen Luisa und Marco teilweise auch Briefe an seinen Bruder. Wie ein Mosaik fügen sich die einzelnen Bausteinchen langsam zu einem Gesamtbild, welches sich letztendlich über 3 Generationen hinzieht.
Die brillante, poetische Sprache ist das faszinierende an diesem Roman und auch das Bindeglied zwischen all den einzelnen Lebensstationen. Die feine Beobachtungsgabe, die teilweise bestehende Detailverliebtheit, ein feiner Humor und psychoanalytische Interpretationen halten eine Spannung aufrecht, die sich bis an den Schluss erstreckt.
„Es gibt Menschen, die sich ihr ganzes Leben lang damit abmühen, voranzukommen, Wissen zu erwerben, zu erobern, zu entdecken, besser zu werden, um dann zu erkennen, dass sie immer auf der Suche nach der Vibration sind, die sie in die Welt geschleudert hat […] Und dann gibt es andere, die, obwohl sie sich nicht bewegen, einen langen und abenteuerlichen Weg zurücklegen.“
In der Enkelin sieht Marco den perfekten Menschen der Zukunft, gesegnet mit Toleranz, Begabung und Empathie. Sein letztes Wirken gilt einzig und allein der Tatsache, diesen neuen Menschen zu unterstützen und ihm alle Möglichkeiten für die Zukunft zu öffnen. Als Marco dann selbst an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, sieht er für sich den begleiteten Suizid als Lösung für ein würdevolles Sterben.
„Der Kolibri“ ist ein Buch, das einem auch nachhaltig in Erinnerung bleibt, gerade auch deshalb, weil viele Szenen nur angeschnitten, und nicht bis ins letzte Detail erklärt werden. Somit bleibt der Fantasie des Lesers genügend Platz, die Zwischenräume zu füllen. Manchmal ist man zu Tränen gerührt, dann wieder lässt der Roman seine Leser sehr nachdenklich aber nie langweilig zurück.
"Du bist ein Kolibri, weil du wie die Kolibris deine ganze Energie dafür verwendest, auf der Stelle zu bleiben. Siebzig Flügelschläge in der Sekunde, um zu bleiben, wo du bereits bist. Du bist großartig darin. Du schaffst es, in der Welt und in der Zeit anzuhalten, Du schaffst es, die Welt und die Zeit um Dich herum anzuhalten, und manchmal schaffst Du es sogar, in der Zeit zurückzugehen, um die verlorene Zeit wiederzufinden, so wie der Kolibri fähig ist, rückwärts zu fliegen."
Alex Schulmann (2021): „Die Überlebenden“
dtv Verlagsgesellschaft
Ein idyllisches, rot gestrichenes Sommerhaus, einsam an einem See gelegen, von dichten Wäldern umgeben, im Norden Schwedens. Hier verbringen die drei Brüder Nils, Benjamin und Pierre die Ferienmonate.
Magische Naturstimmungen am Wasser, die unheimlichen dunklen Fichtenwälder und das wechselnde Licht der Dämmerung bilden den Rahmen für eine Familiengeschichte, die einen in ihren Bann zieht. Was geschah in diesem Sommer, dass die Brüder heute noch entzweit und belastet?
„Da unten liegt der See, blank und still, gesäumt von Birken unmittelbar am Ufer. Und das Saunahäuschen in dem die Jungen mit ihrem Vater an zahlreichen Sommerabenden schwitzten und von wo aus sie anschließend über scharfkantige Steine ins Wasser stolperten. „Herrlich“, schrie der Vater, wenn er sich hineingestürzt hatte, und der Hall sang über den See, und dann wurde es still, wie es nur hier still sein konnte, an diesem Ort, weit weg von allem anderen, eine Stille, die Benjamin manchmal Angst machte, ihm jedoch manchmal auch das Gefühl gab, alles würde lauschen.“
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Zwei unterschiedliche Handlungsstränge bewegen sich aufeinander zu. Da ist die Gegenwart, wo sich die drei erwachsenen Brüder am Ort ihrer Kindheit treffen, um den letzten Wunsch der verstorbenen Mutter zu erfüllen, ihre Asche im See zu verstreuen. Hier läuft die Zeit rückwärts, Stunde um Stunde wird der letzte Tag aufgerollt. Parallel dazu wird die Geschichte der Kindheit vorwärts erzählt. Beide Stränge bewegen sich aufeinander zu und bauen eine ungeheure Spannung auf, die bis zur letzten Seite anhält.
Die Eltern sind beide Alkoholiker, launenhaft mit rasch wechselnden Stimmungen, liebevoll und doch wieder streitbar. Mit diese schwankenden Gemütsfassungen kommen die Kinder unterschiedlich gut zurecht. Nils, der Älteste sondert sich ab, vertieft sich und versucht so dem Familien Alltag zu entgehen.
Benjamin der Mittlere der drei Brüder ist der sensibelste, der ein feines Gespür für die Gefühlsausbrüche der Eltern entwickelt und unter dem Beziehungskonflikt leidet. Da ist auch etwas Schweres eine Melancholie was in ihm steckt. Er verbringt die meiste Zeit mit Pierre dem jüngsten Bruder, der aufbrausend und cholerisch ist.
Die schwierige Kindheit schweißt die Geschwister zusammen, es gibt auch viele verbindende, schöne Momente. Immer mehr nähert man sich der zentralen Frage, was ist passiert, was hat die drei Brüder so erschüttert, dass sie jahrelang keinen Kontakt mehr zueinander haben, dass sie als Erwachsene handgreiflich im Umgang miteinander werden, dass sogar die Polizei gerufen werden muss?
Immer wieder sind es die Naturschilderungen, die als Metapher für das Dunkle, für das Verborgene, für das Verdrängte herhalten. Diese Unfähigkeit Dinge auszusprechen, dieses Hinunter Schlucken, diese stille Verbitterung wird eindrücklich beschrieben, eine Sprachlosigkeit die man auch in vielen Patienten Geschichten wieder findet.
„Natürlich gab es Dinge, die Benjamin im Nachhinein gerne gesagt oder Fragen, die er gerne noch gestellt hätte. Erinnerungen, die zu sortieren er Hilfe gebraucht hätte, Dinge die er seinen Vater vor langer Zeit hatte tun oder sagen hören und die er immer noch nicht begriffen hatte. Doch sie redeten nicht über Dinge die passiert waren, das hatten sie noch nie getan, weil keiner von ihnen wusste, wie das ging, und vielleicht war es auch nicht nötig, vielleicht war dieses Schweigen das Schönste, was sie gemeinsam erleben konnten, denn da waren nur sie beide, Benjamin und sein Vater…..“
Alex Schulman ist in Deutschland als Autor bisher unbekannt. In Schweden hat er sich als Blogger, Fernsehmoderator und Autor einen Namen gemacht und eine Handvoll Bücher mit autobiographischem Hintergrund veröffentlicht. Sein Debut Roman „Die Überlebenden“ ist das erste Werk, dass auf deutsch übersetzt wurde.
Richard Wagamese (2021): “der gefrorene himmel”
Karl Blessing Verlag
Richard Wagamese, geboren 1955, gehört zu den bedeutendsten Autoren indigener Abstammung in Kanada. Als Kind alkoholkranker Eltern wurde er in verschiedenen Heimen und Pflegefamilien großgezogen, die ihm eine Beziehung zu seinen indigenen Wurzeln verboten. Alkoholkrank, eine Zeit lang auf der Straße lebend, stand er nahe am Abgrund, ehe sein Interesse an Büchern, am Lesen dazu führte, dass er selbst zu schreiben begann. Er veröffentliche zahlreiche Romane, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. 2017 starb Richard Wagamese.
Der Roman „Der gefrorene Himmel“ ist geprägt von den persönlichen Lebenserfahrungen des Autors und spiegelt gleichzeitig die Geschichte Kanadas wider. Der Ich Erzähler Saul vom Volk der Ojibwe wächst im Norden Kanadas auf. In kurzen Sequenzen erfährt man von dem alkoholkranken Vater, der Reise der Familie zu ihrem entlegenen Stammesplatz am See und dem Sterben des älteren Bruders an Tuberkulose. Die Familie bricht auseinander und Saul Indian Horse (Indian Horse ist auch der englische Originaltitel) landet in einer der Residential Schools.
Hier erfährt man von einem dunklen Kapitel der kanadischen Geschichte. Das System der vor allem katholisch geleiteten Internatsschulen hatte das Ziel, Indianer Kinder zu assimilieren. Durch ein grausiges Züchtigungsregiment wurden sie ihrer Spracheberaubt und von ihrer indigenen Kultur entwurzelt. Die Auswirkungen dieses „kulturellen Genozids“ reichen bis in die Gegenwart: Die Entdeckung hunderter Kinderleichen auf den Grundstücken mehrerer ehemaliger Residential Schools im Juni dieses Jahres verleiht diesem Roman eine traurige Aktualität.
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Die in einer schnörkellosen, wenig pathetischen und sehr direkten Sprache geschilderten Zustände im Heim sind erschreckend und auf Grund ihrer fast sachlichen Schilderung umso schockierender.
“Wenn die die Unschuld genommen wird, wenn dein Volk verleumdet wird, wenn die Familie, der du entstammst, beleidigt und bloßgestellt wird, wenn deine Stammesbräuche und-rituale als rückständig, primitiv, barbarisch gebrandmarkt werden, dann betrachtest du dich selbst nicht mehr als menschlich. Das ist die Hölle auf Erden, dieses Gefühl der Unwürdigkeit. Und das haben sie uns angetan.”
In dieser Welt der Übergriffe und täglichen Misshandlungen entdeckt Saul seine Leidenschaft fürs Eishockey Spiel, welches fortan sein Leben bestimmt. Wie der Autor die Faszination Leichtigkeit und Schönheit dieses Sports beschreibt ist große Erzählkunst, und auch wenn man kein Eishockey Fan ist, bekommt man einen Eindruck von der Bedeutung dieses kanadischen Nationalsports vermittelt, der allerdings nur den Weißen vorbehalten war.
Auf Grund seiner Fähigkeit, das Spiel mit dem Puck zu lesen und Spielzüge seiner Gegner zu erfassen macht Saul eine steile Karriere, vom improvisierten Spiel an der Schule mit gefrorenen Pferdeäpfeln, über die Turniere der indigenen Mannschaften bis zum Aufstieg in die oberste Liga. Je höher er steigt desto mehr erfährt er rassistische Äußerungen, Provokationen die in immer aggressiverem Spiel und schließlich im Alkoholabsturz kumulieren.
Wie der Ich Erzähler sich lange vor dem Blick in sein Inneres verschließt, keine Sprache für das erlebte findet, sich eine immer rauere Oberfläche zulegt und gerade daran zu zerbrechen droht ist Lebensliteratur, die einen nicht loslässt und tief berührt.<p>
„Ein Teil von mir wollte unbedingt die Lücke schließen, die ich zwischen mir und anderen Menschen spürte. Doch dann war da der der größere Teil, der Trennung suchte. Der Teil, in dem eine stille Wut brodelte, die ich nie verloren hatte, und der wusste, wenn davon jemals der Deckel abflog, dann würde ich wahrhaftig allein sein. Endgültig. Für immer. Und dieser Teil behielt immer die Oberhand.“
Der Weg zurück zu den Orten seiner Kindheit ist auch ein Weg zurück zur ursprünglichen Kultur der Ojibwe. Von seiner Großmutter hat Saul das Wissen um seine Vorfahren, die Fallensteller und Schamanen waren, mitbekommen. Dieses Besinnen auf seine spirituellen Wuzeln hilft ihm schließlich im jetzigen Leben seinen Platz zu finden. Die wilde Natur als Metapher für das Verborgene, das nicht rational erklärbare und mystische , mit der die Ojibwe in Einklang leben und aus der sie ihre Kraft schöpfen bildet den Rahmen für diesen spannenden und tiefschichtigen Roman.
Margret Craven (1976): „Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen“
Rohwolt Taschenbuch Verlag
Mark Brian, ein todkranker junger Geistlicher, wird als Seelsorger in ein entlegenes Indianerdorf an der Westküste Kanadas geschickt. Inmitten der Wildnis lernt er, im Gleichklang mit der Natur zu leben und den Tod als Einmünden in diese Harmonie zu begreifen.
Das ist ein stilles, ein leises Buch. Sinnbildlich erzählt es vom wechselhaften Gang des Lebens.
An literarischen Kriterien gemessen, ist dieser Roman mit dem elegischen Titel ein Meisterwerk. Die ruhige Erzählweise, die gepflegte Sprache, die unaufdringliche Intensität der Beschreibung von Menschen, Situationen, Erfahrungen innerhalb eines uns fremden Lebenskreises, das sind unzeitgemäße Qualitätsmerkmale. (Mannheimer Morgen)
Ein unscheinbares Buch, in das man anfangs ein wenig „hineinwachsen“ muss, das einem im Verlauf aber immer mehr fesselt. Die Naturverbundenheit die hier zur Sprache kommt, in der Tod und Sterben als ein ganz normaler Teil des Lebens wahrgenommen werden, hat etwas ungemein Tröstliches!
Anne Michaels (1996): „Fluchtstücke“
Berlin Verlag
Anne Michaels ist Dichterin. Sie hat als solche zu veröffentlichen begonnen und für ihre 1986 und 1991 erschienenen Gedichtbände "The Weight of Oranges" und "Miner's Pond" Auszeichnungen erhalten. Auch ihr erster Roman mit dem deutschen Titel "Fluchtstücke" enthält Sätze von atemberaubender lyrischer Dichte: Knappheit und Härte der Anfangsseiten ihres Romans üben beim Lesen einen Sog aus, dem man sich nicht entziehen kann: So grauenerregend die Geschichte einsetzt, man will weiterlesen, mehr über das Schicksal des Protagonisten erfahren.
Der siebenjährige Jakob Beer wird Zeuge, wie im Zweiten Weltkrieg Deutsche seine Eltern, polnische Juden, erschlagen und seine ältere Schwester verschleppen. Er flieht und versteckt sich auf dem Gelände einer archäologischen Grabungsstätte. Dort wird er nach Tagen von einem griechischen Forscher gefunden und gerettet. In der Obhut dieses Mannes verbringt er seine Kindheit und Jugend auf einer griechischen Insel, später wandert er mit ihm nach Toronto aus. Jakob wird Autor, wird Dichter und versucht seine Erfahrungen auf diesem Wege zu verarbeiten. Die schrecklichen Bilder seiner Kindheit lassen ihn lange nicht los. Eine erste Ehe scheitert daran, und erst als reifer Mann findet er in der Beziehung zu einer jungen Frau zu einer Art innerer Ruhe. (Klappentext)
Foto: Unsplash
Thomas Sautner (2017): „Die Älteste“
Aufbau Taschenbuch
Thomas Sautner erzählt in „Die Älteste“ von einer Krebstherapie, die nicht durch Chemotherapie behandelt wird, sondern durch Zuwendung zum Gefühl und zur Erde: Was auf den ersten Blick als ausgesprochen heikles Unterfangen anmutet, entpuppt sich dank einer radikal unaufgeregten Sprache als Bericht einer 'wahren Begebenheit' wie der Autor bei mehreren Interviews betont. Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen mit markant unterschiedlichen Biografien: Lisbeth als 90jährige Jenische, die in einem Wohnwagen im Waldviertel lebt und einen Ruf als 'Wunderheilerin' hat, auf der einen Seite. Ihr anvertraut ist Sophie, eine Frau in der Mitte des Lebens, die fest in der westlichen Gesellschaft verankert scheint und exemplarisch für viele Frauen den Spagat zwischen Karriere und Familie zu bewältigen versucht. Doch dieses intensive Leben ist von einem Gegner bedroht, für den die sogenannte Schulmedizin keine wirksame Therapie zu bieten hat: Hirntumor.
Wie schon in Sautners Romadebüt „Fuchserde“ nimmt auch in „Die Älteste“ die Kultur der vom Verschwinden gekennzeichneten ethnischen Gruppe der Jenischen eine zentrale Rolle ein. Lisbeth hat das tradierte Wissen der Naturmedizin verinnerlicht. Der Text erzählt jedoch keine Erlösungsgeschichte, sondern die Geschichte einer Irritation, die einen neuen Blick ermöglicht. Sophie bricht mit ausgeprägtem Skeptizismus in das Waldviertel auf, um einen neuen Weg zu versuchen: Was hat sie auch schon zu verlieren? (Ausschnitt aus der (Buchbesprechung von Alexander Peer, Literaturhaus Wien)
NINO Haratischwili (2014): „Das Achte Leben“
Frankfurter Verlagsanstalt
„Ein großartiger Roman über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten und über Familienbande, der beim Leser Sogkraft entwickelt und trotz des Umfangs von fast 1300 Seiten nie unübersichtlich wird und auf keiner Seite langweilt.“ (Borromäusverein)
"Ein Solitär in der deutschen Gegenwartsliteratur." (Deutschlandfunk)
Dieser Roman ist über die Literaturwelt gekommen wie ein Naturereignis: ein wuchtiges Familienepos, das am Beispiel von sechs Generationen außergewöhnlicher Frauen das ganze pralle 20. Jahrhundert mit all seinen Umbrüchen und Dramen, Katastrophen und Wundern erzählt. Vom Georgien am Vorabend des Ersten Weltkriegs bis ins Deutschland zu Anfang des neuen Millenniums spannt Nino Haratischwili den Bogen. Alles beginnt mit Stasia, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten. Mit ihrer Geburt setzt die Geschichte ein, die fortan wie ein gewaltiger Strom mit unzähligen Nebenarmen und Verwirbelungen durch Europa zieht und den Leser bis zur letzten Seite in ihrem Sog gefangen hält. Ein unvergessliches, überwältigendes Leseerlebnis.
VELMA WALLIS (1993): „Zwei alte Frauen“, Velma Wallis
Heyne Verlag
Ein Nomadenstamm im hohen Norden von Alaska: Während eines bitterkalten Winters kommt es zu einer gefährlichen Hungersnot. Wie das alte Stammesgesetz es vorschreibt, beschließt der Häuptling, die beiden ältesten Frauen als »unnütze Esser« zurückzulassen, um den Stamm zu retten. Doch in der Einsamkeit der eisigen Wildnis geschieht das Unglaubliche: Die beiden alten Indianerfrauen geben nicht auf, sondern besinnen sich auf ihre ureigenen Fähigkeiten, die sie längst vergessen geglaubt hatten …(Heyne Verlag)
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ARNO GEIGER (2011): „Der König in seinem Exil“
Hanser Verlag
Arno Geiger hat ein tief berührendes Buch über seinen Vater geschrieben, der trotz seiner Alzheimerkrankheit mit Vitalität, Witz und Klugheit beeindruckt. Die Krankheit löst langsam seine Erinnerung und seine Orientierung in der Gegenwart auf, lässt sein Leben abhandenkommen. Arno Geiger erzählt, wie er nochmals Freundschaft mit seinem Vater schließt und ihn viele Jahre begleitet. In nur scheinbar sinnlosen und oft so wunderbar poetischen Sätzen entdeckt er, dass es auch im Alter in der Person des Vaters noch alles gibt: Charme, Witz, Selbstbewusstsein und Würde. Arno Geigers Buch ist lebendig, oft komisch. In seiner tief berührenden Geschichte erzählt er von einem Leben, das es immer noch zutiefst wert ist, gelebt zu werden. (Hansa Verlag)
friederike waller (1988): „Alles ist nur Übergang“
Köpfer und Meyer Verlag
Diese inzwischen als "Standardwerk" gerühmte Sammlung literarischer, philosophischer und religiöser Lyrik und Prosa will einladen und helfen sich ganz bewusst mit der Endlichkeit menschlichen Daseins und dem Phänomen des Todes auseinanderzusetzen. Der umfangreiche Textfundus, vom Gilgamesch-Epos bis ganz in unsere Gegenwart reichend, ist dreifach gegliedert und jedem Teil ist ein profunder Einführungsessay vorangestellt.
Das Kapitel "Leben und Sterben" berücksichtigt Texte, die die Annäherung an die Grenze des menschlichen Lebens und die Ängste des Menschen vor dem Sterben zum Thema haben, es wird von dem Psychiater Hans Heimann eingeleitet.
Das Kapitel "Sterben und Leben" präsentiert vor allem Literatur aus verschiedenen Religionen, die die Hoffnung und den Glaube vermitteln, dass mit dem Sterben nur unsere körperliche Existenz endet und danach "noch etwas auf uns wartet"; die Hinführung in diesen Komplex stammt von dem Arzt und Theologen Dietrich Rössler.
Im dritten Teil "Zeitlichkeit und Wort", den der Literaturwissenschaftler Winfried Barner vorstellt, finden sich Zeugnisse zum Versuch, das Sterben durch das Wort zu bestehen. (Hugendubel, Fachinformation)
Ein Buch mit wunderbaren Textstellen, welches den Umgang mit Sterben und Tod in den unterschiedlichen Epochen und Kulturen widerspiegelt. Zu recht wird diese Textsammlung mittlerweile als Standardwerk bezeichnet.
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WOLFGANG HERMANN (2012): „Abschied ohne Ende“
Langen Müller Verlag
„Ein Morgen, kaltes Winterlicht. Ein Mann, alleinerziehender Vater, betritt das Zimmer seines 16-jährigen Sohnes und findet ihn tot im Bett liegend. Fassungslos irrt er fortan durch sein Leben, versucht die Ohnmacht und den Tod zu bewältigen. In seiner Erzählung spricht Wolfgang Hermann von der Wehmut, dem Schmerz und den Bemühungen, die gemeinsame Zeit erinnernd aus der Vergangenheit zu holen und im Jetzt spürbar werden zu lassen. Mit seiner filigranen, poetischen Erzählweise vermittelt der Autor Trost auch im Schrecken und lässt die Hoffnung aufleuchten.“ (Beschreibung Umschlagtext)
Eine zutiefst traurige Geschichte, bei manchen Passagen kommen einem die Tränen, und gleichzeitig ist man fasziniert von der Poesie und der Ausdruckskraft dieses Buch, selten dass man die Trauer so direkt mitfühlen kann, und doch verzaubert ist, von der Kraft der Worte
ROBERT GERNHARDT (2006): „Später Spagat“
Fischer Verlag
"Die Gedichte dieses Bandes entstanden - von leicht erkennbaren Ausnahmen abgesehen - in den letzten drei Jahren. Dies gilt für den Inhalt beider Abteilungen. 'Später Spagat' versucht noch einmal jene Verbindung von Standbein und Spielbein, Ernstbein und Spaßbein, Verschlüsselbein und Entschlüsselbein, die bereits das Ziel meiner vorherigen Gedichtbände gewesen ist. Nur dass ich diesmal die Aufsatzpunkte des Spagats so reinlich als es ging geschieden habe, wohl wissend, dass auch dieser Spagat eine Mischung wird überbrücken müssen oder doch zumindest können: Jedes noch so ernst gedachte Gedicht kann beim Leser eine untergründige Freude daran erwecken, dass es dem Autor gelungen ist, Worte für das Schwersagbare zu finden. Zugleich vermag der gleiche Leser die Ernsthaftigkeit wahrzunehmen, mit welcher der Autor versucht hat, seinen heiteren Gebilden eine gewisse Dauer zu verleihen. Ob mir diese Mischung geglückt ist? Darüber mögen andere befinden." (Robert Gernhardt, Klappentext)